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GWÖ – Eine Reflexion in der heutigen Zeit

Aus dem vorhergehenden Artikel (zum Nachlesen) ergaben sich Fragen der Reflexion in Bezug auf die Umsetzbarkeit bzw. Realisierbarkeit unter den aktuellen Rahmenbedingungen.

Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich bei der Umsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie in bestehenden Unternehmen, insbesondere in einem wettbewerbsorientierten Markt?

  • Herausforderungen:
    • Kurzfristige Profitabilität vs. langfristige Nachhaltigkeit: Unternehmen müssen oft kurzfristige Gewinnziele erfüllen, während GWÖ einen langfristigen, wertebasierten Ansatz verfolgt.
    • Kunden- und Marktanforderungen: Viele Märkte sind noch stark auf Preis- und Wettbewerbsmechanismen ausgerichtet, was es für GWÖ-orientierte Unternehmen schwer macht, sich durchzusetzen.
    • Gesetzliche Rahmenbedingungen: Bestehende Steuer- und Wettbewerbsregulierungen bevorzugen häufig klassische Wirtschaftsmodelle und setzen Unternehmen mit nachhaltigem Fokus unter Druck.
    • Unternehmenskultur: Ein Wandel hin zu einer GWÖ-basierten Organisation erfordert oft tiefgreifende kulturelle und strukturelle Veränderungen, die nicht immer einfach sind.
  • Chancen:
    • Langfristige Resilienz: Unternehmen, die sich an Gemeinwohlprinzipien orientieren, können widerstandsfähiger gegenüber Krisen sein, da sie auf nachhaltige Werte statt kurzfristige Gewinne setzen.
    • Attraktivität für Talente: Viele Arbeitnehmer (insbesondere jüngere Generationen) suchen nach sinnstiftender Arbeit. GWÖ-Unternehmen können hier eine starke Arbeitgebermarke entwickeln.
    • Kundenbindung: Eine werteorientierte Ausrichtung kann starke Kundenloyalität schaffen, insbesondere bei Menschen, die bewussten Konsum bevorzugen.
    • Innovationskraft: Die Fokussierung auf Kooperation statt reinen Wettbewerb kann neue Geschäftsmodelle und innovative Ansätze fördern.

Wie könnte eine GWÖ-Organisation im Sinne von Frederic Laloux (Reinventing Organizations) aussehen, und welche Parallelen gibt es zu „Teal“-Organisationen?

  • Parallelen:
    • Selbstorganisation: Beide Modelle setzen auf dezentrale Entscheidungsfindung und eigenverantwortliche Teams anstelle klassischer hierarchischer Strukturen.
    • Sinn- und Werteorientierung: GWÖ-Unternehmen und Teal-Organisationen haben eine starke innere Motivation, die über finanziellen Gewinn hinausgeht. Sie stellen den Sinn und den Beitrag zur Gesellschaft in den Mittelpunkt.
    • Ganzheitlichkeit: Mitarbeiter sollen sich als ganze Menschen einbringen können und nicht nur als „Rolleninhaber“ fungieren. Wertschätzende Unternehmenskulturen stehen im Vordergrund.
    • Evolutionärer Zweck: Unternehmen in beiden Modellen sehen sich nicht als rein wirtschaftliche Akteure, sondern als lebendige Systeme, die sich mit gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen weiterentwickeln.
  • Mögliche Unterschiede:
    • Teal-Organisationen betonen oft individuelle Autonomie und Selbstorganisation, während GWÖ stärker auf die Ausrichtung am Gemeinwohl als übergeordnetes Ziel setzt.
    • GWÖ-Organisationen haben eine klarere strukturelle Verankerung in ihrer Bilanzierung und Bewertung durch die Gemeinwohl-Matrix, während Teal-Organisationen oft stärker auf flexible, interne Entwicklungsprozesse setzen.

Welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wären notwendig, um die Verbreitung der Gemeinwohl-Ökonomie zu fördern?

  • Politische Maßnahmen:
    • Steuerliche Vorteile für GWÖ-Unternehmen, um nachhaltiges Wirtschaften finanziell attraktiver zu machen.
    • Reform der Unternehmensgesetze, damit Gemeinwohl-Kriterien stärker in Unternehmensbewertung und -führung integriert werden.
    • Förderprogramme für nachhaltige Unternehmen, Startups und Genossenschaften, die auf Gemeinwohl ausgerichtet sind.
    • Öffentlichkeitsarbeit und Bildungskonzepte, um das Bewusstsein für GWÖ bei Bürgern, Unternehmen und politischen Entscheidern zu stärken.

  • Wirtschaftliche Rahmenbedingungen:
    • Anreize für Unternehmen, sich an Gemeinwohl-Kriterien auszurichten, z. B. durch bevorzugten Zugang zu öffentlichen Aufträgen.
    • Schaffung von Alternativen zu klassischer Wachstumslogik, z. B. durch Modelle der Kreislaufwirtschaft oder Gemeinwohl-Banken.
    • Förderung von Netzwerken, die Kooperation zwischen GWÖ-Unternehmen erleichtern, um Skaleneffekte zu ermöglichen.

Ist es realistisch, dass Unternehmen in der heutigen globalisierten Welt auf Profitmaximierung verzichten?

Grundsätzlich hängt die Antwort stark von der Art des Unternehmens, dessen Umfeld und der gesellschaftlichen Entwicklung ab. In der aktuellen globalisierten Welt ist das Wirtschaftssystem stark auf Wettbewerb, Effizienzsteigerung und Wachstum ausgerichtet. Profitmaximierung ist in vielen Unternehmen eine zentrale Leitgröße, da sie Investitionen, Innovationen und Marktvorteile sichert.

  • Herausforderungen für Unternehmen ohne Profitmaximierung:
    • Wettbewerbsdruck: Unternehmen müssen oft Profite maximieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben und Kapital für Innovation und Expansion zu haben.
    • Investoreninteressen: Unternehmen mit externen Kapitalgebern sind häufig verpflichtet, eine möglichst hohe Rendite zu erzielen.
    • Gesetzliche Rahmenbedingungen: Besteuerung, Bilanzierungsrichtlinien und viele wirtschaftliche Anreize bevorzugen aktuell profitorientierte Unternehmen.
    • Kundenerwartungen: Viele Konsumenten orientieren sich noch stark an Preis und Leistung, anstatt ethische Kriterien in den Mittelpunkt zu stellen.

  • Möglichkeiten für Unternehmen ohne Profitmaximierung:
    • Alternative Geschäftsmodelle: Unternehmen wie Genossenschaften, Sozialunternehmen oder Stiftungen können sich an anderen Werten als reinem Gewinn orientieren.
    • Nachhaltigkeitsbewusstsein wächst: Konsumenten und Investoren fordern zunehmend nachhaltige Geschäftsmodelle. Langfristige Stabilität und Gemeinwohlorientierung könnten an Bedeutung gewinnen.
    • Politische Maßnahmen und Marktanreize: Regulierungen wie CO₂-Steuern oder Förderungen für nachhaltige Unternehmen können helfen, das Spielfeld auszugleichen.
    • Neue Bewertungssysteme: Konzepte wie die Gemeinwohl-Bilanz oder ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) können den Erfolg eines Unternehmens über andere Maßstäbe als den Gewinn hinaus messen.

Fazit:

Es ist derzeit schwierig für Unternehmen, völlig auf Profitmaximierung zu verzichten, da sie innerhalb eines Systems agieren, das größtenteils auf Wettbewerb und Gewinnstreben ausgelegt ist. Allerdings gibt es Ansätze und Entwicklungen, die den Fokus auf Gemeinwohl und Nachhaltigkeit stärken. Unternehmen können sich schrittweise in diese Richtung bewegen, insbesondere wenn gesellschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen sich verändern.


Kann eine GWÖ-Organisation langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein, ohne Kompromisse mit dem bestehenden System einzugehen?

Eine GWÖ-Organisation verfolgt primär das Ziel, das Gemeinwohl zu fördern. Sie misst ihren Erfolg anhand sozialer, ökologischer und demokratischer Kriterien statt an reiner Gewinnmaximierung. Doch in einem marktwirtschaftlich geprägten Umfeld muss sie trotzdem wirtschaftlich überlebensfähig bleiben.

  • Herausforderungen für eine GWÖ-Organisation:
    • Marktstrukturen und Wettbewerb: Viele Märkte sind stark von kapitalistischen Prinzipien geprägt. Ein Unternehmen, das höhere Kosten durch nachhaltige oder soziale Maßnahmen hat, könnte preislich nicht mithalten.
    • Finanzierung und Skalierung: Viele klassische Finanzierungswege (z. B. Börsengang, Risikokapital) sind auf schnelles Wachstum und hohe Renditen ausgerichtet. GWÖ-Unternehmen müssen alternative Finanzierungsmodelle finden (z. B. Genossenschaften, Impact Investing).
    • Kundengewinnung und Bewusstsein: Nicht alle Konsumenten sind bereit, für nachhaltig oder ethisch produzierte Produkte mehr zu zahlen. Bildungsarbeit und ein gesellschaftlicher Wandel sind notwendig.
    • Gesetzliche Rahmenbedingungen: Viele Vorschriften sind für klassische Unternehmen gemacht und benachteiligen nachhaltige Unternehmen (z. B. Steuererleichterungen für Investoren, die Profite maximieren, nicht für Gemeinwohlunternehmen).

  • Erfolgsfaktoren für GWÖ-Organisationen:
    • Starke Community und Werteorientierung: Unternehmen mit einer klaren Wertebasis und engagierter Kundschaft (z. B. Bio-Produkte, fair gehandelte Waren) können sich erfolgreich positionieren.
    • Kooperation statt Wettbewerb: Durch Netzwerke, gemeinschaftliche Initiativen und Genossenschaftsmodelle können GWÖ-Unternehmen sich gegenseitig stärken.
    • Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil: Da Umwelt- und Sozialkriterien immer relevanter werden, könnten GWÖ-Unternehmen von einem langfristigen Wandel profitieren.
    • Innovative Finanzierungsmodelle: Crowdfunding, Genossenschaften oder alternative Banken können neue Kapitalquellen erschließen.
    • Politischer Wandel und neue Regularien: Falls sich das wirtschaftliche Umfeld ändert (z. B. durch CO₂-Steuern, strengere Sozialstandards), könnten GWÖ-Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gewinnen.

Fazit:

GWÖ-Organisationen können langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein, aber es ist eine Herausforderung, dies ohne jegliche Kompromisse mit dem bestehenden System zu erreichen. In der aktuellen Marktwirtschaft sind gewisse Anpassungen nötig, sei es in Form strategischer Partnerschaften, Finanzierungsformen oder hybrider Geschäftsmodelle. Langfristig könnte jedoch ein gesellschaftlicher und politischer Wandel dazu beitragen, dass GWÖ-Unternehmen ohne wesentliche Kompromisse florieren.

Veröffentlicht unter Nachhaltigkeit und Agilität: Purpose-driven Leadership und Transformation für langfristigen Erfolg

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