1. Einleitung
Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) stellt eine alternative Wirtschaftsordnung dar, die das Gemeinwohl über reine Profitmaximierung stellt. Sie basiert auf ethischen Prinzipien wie Solidarität, Menschenwürde und Nachhaltigkeit und bietet ein Rahmenwerk für Unternehmen und Organisationen, die verantwortungsbewusst wirtschaften möchten. Doch wie passt dieser Ansatz zur klassischen Nachhaltigkeitsdefinition mit ihrer Balance zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt? Dieser Artikel untersucht die Grundgedanken der GWÖ, vergleicht sie mit dem Nachhaltigkeitsdreieck und ordnet GWÖ-Organisationen in das Modell von Frederic Laloux ein.
2. Gemeinwohl-Ökonomie: Grundgedanken und Prinzipien
Die Gemeinwohl-Ökonomie wurde von Christian Felber und einer Gruppe engagierter Unternehmer*innen ins Leben gerufen. Sie zielt darauf ab, ein Wirtschaftssystem zu etablieren, das langfristig sowohl sozialen als auch ökologischen Fortschritt fördert.
Zentrale Prinzipien der GWÖ:
- Menschenwürde: Achtung und Schutz der Rechte aller Beteiligten in Wirtschaftsprozessen.
- Solidarität und soziale Gerechtigkeit: Fairer Umgang mit Mitarbeitenden, Kunden und Lieferanten.
- Nachhaltigkeit: Schutz der Umwelt und Nutzung erneuerbarer Ressourcen.
- Demokratie und Mitbestimmung: Transparente Entscheidungsprozesse und Partizipation.
Ein wesentliches Instrument der GWÖ ist die Gemeinwohl-Bilanz, die Unternehmen hilft, ihre soziale und ökologische Verantwortung messbar zu machen. Statt Gewinnmaximierung stehen soziale Wirkung und Nachhaltigkeit im Fokus.
3. Nachhaltigkeit: Die Balance zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt
Das klassische Konzept der Nachhaltigkeit beruht auf einem Dreiklang aus Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Diese drei Dimensionen sollen in Balance gehalten werden, um eine langfristig tragfähige Entwicklung zu gewährleisten:
- Wirtschaft (Ökonomie): Ein stabiles Wirtschaftssystem, das Arbeitsplätze und Wohlstand sichert.
- Gesellschaft (Soziales): Gerechte Verteilung von Ressourcen, soziale Sicherheit und Teilhabe.
- Umwelt (Ökologie): Bewahrung natürlicher Lebensgrundlagen und ressourcenschonendes Wirtschaften.
Die Herausforderung besteht darin, einen Ausgleich zwischen diesen drei Aspekten zu schaffen, sodass kein Bereich auf Kosten der anderen dominiert.
4. GWÖ und Nachhaltigkeit: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Die GWÖ und das Nachhaltigkeitsdreieck verfolgen ähnliche Ziele, setzen jedoch unterschiedliche Prioritäten.
Gemeinsamkeiten:
- Beide Konzepte streben eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweise an.
- Sie fordern Verantwortung von Unternehmen und eine nachhaltige Ressourcenverwendung.
- Beide betonen die Bedeutung von Kooperation statt reiner Konkurrenz.
Unterschiede:
- Während das Nachhaltigkeitsdreieck die Wirtschaft als gleichberechtigte Säule betrachtet, sieht die GWÖ sie als Mittel zum Zweck zur Förderung von sozialen und ökologischen Zielen.
- In der GWÖ gibt es eine explizite Abkehr von Profitmaximierung als Unternehmensziel, während im Nachhaltigkeitsmodell Unternehmen weiterhin wirtschaftlichen Erfolg anstreben dürfen.
- Die GWÖ fordert eine strukturelle Transformation der Wirtschaft, während das Nachhaltigkeitsdreieck eher Anpassungen innerhalb des bestehenden Systems vorsieht.
5. GWÖ im Kontext von Frederic Laloux‘ Organisationsmodellen
Frederic Laloux beschreibt in seinem Werk Reinventing Organizations verschiedene Entwicklungsstufen von Organisationen. GWÖ-Unternehmen lassen sich besonders gut in das Teal-Paradigma einordnen:
- Selbstorganisation: GWÖ-Unternehmen setzen oft auf dezentrale Entscheidungsstrukturen und Beteiligung aller Akteure.
- Evolutionärer Sinn: Statt kurzfristiger Profitorientierung steht der langfristige Nutzen für Gesellschaft und Umwelt im Fokus.
- Ganzheitlichkeit: Mitarbeitende werden nicht nur als Funktionsträger gesehen, sondern als Menschen mit individuellen Werten und Bedürfnissen.
Vergleich zu anderen Organisationsstufen:
- Orange Organisationen (klassische Unternehmen): Profitmaximierung, Hierarchien und Wettbewerb.
- Grüne Organisationen (werteorientiert): Fokus auf Gemeinschaft und Nachhaltigkeit, aber oft noch in traditionellen Strukturen.
- Teal-Organisationen (zukunftsorientiert): Flexibel, selbstorganisiert und sinnstiftend – wie es GWÖ-Unternehmen anstreben.
Die GWÖ passt somit hervorragend zu Teal-Organisationen, da beide Ansätze eine sinnorientierte, kooperative und nachhaltige Wirtschaftsweise verfolgen.
6. Fazit
Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet eine tiefgehende Erweiterung des klassischen Nachhaltigkeitsdreiecks, indem sie die Wirtschaft als Mittel zum Zweck versteht und nicht als gleichberechtigte Säule. Ihre Prinzipien decken sich stark mit den nachhaltigen Entwicklungszielen, gehen aber einen Schritt weiter, indem sie eine umfassende Transformation der Wirtschaft fordern.
Zudem zeigt sich, dass GWÖ-Unternehmen oft nach den Prinzipien von Teal-Organisationen operieren und dadurch eine moderne, zukunftsfähige Form der Unternehmensführung repräsentieren.
Ob die GWÖ in einem globalen Wirtschaftssystem mit starkem Wachstumsdruck eine breite Umsetzung findet, bleibt eine offene Frage. Doch sie zeigt klar auf, dass nachhaltiges Wirtschaften möglich ist, wenn sozialer und ökologischer Mehrwert an oberster Stelle steht.
Fragen zur Reflexion:
- Ist es realistisch, dass Unternehmen in der heutigen globalisierten Welt auf Profitmaximierung verzichten?
- Welche politischen Rahmenbedingungen wären notwendig, um die GWÖ breiter umzusetzen?
- Kann eine GWÖ-Organisation langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein, ohne Kompromisse mit dem bestehenden System einzugehen?