Wenn ich ehrlich bin: Ich habe lange unterschätzt, welche Wirkung gutes Backlog Refinement haben kann. In klassischen Scrum-Zyklen taucht es oft nur am Rand auf – irgendwo zwischen Sprintwechsel, Planning und Daily Syncs. Doch in meiner Arbeit mit agilen Teams in der Embedded-Softwareentwicklung wurde mir immer klarer: Backlog Refinement ist nicht irgendeine Vorbereitung. Es ist das eigentliche Fundament unserer Entwicklungsarbeit.
Vom Nebenschauplatz zum Herzstück der Entwicklung
Die Erkenntnis kam schleichend. Immer wieder beobachtete ich, wie Teams mit technischen Schulden, fehlender Klarheit und mangelndem Flow zu kämpfen hatten – obwohl sie formal alle agilen Meetings durchliefen. Aber was fehlte, war Substanz. Tiefgang. Gemeinsames Verständnis. Vor allem im Backlog.
Ich begann mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Und ich erkannte: Backlog Refinement ist der Ort, an dem die Komplexität geordnet, Anforderungen verstanden und die Basis für Zusammenarbeit gelegt wird. Es ist die Übersetzung von Stakeholder-Erwartungen in handhabbare Arbeit – iterativ, strukturiert und systemisch.
Backlog Refinement = Requirements Engineering
Was auf den ersten Blick wie „ein bisschen Zettel sortieren“ wirkt, ist in Wahrheit klassisches Engineering – nur eben im agilen Gewand.
- Wir entwickeln Anforderungen gemeinsam.
- Wir analysieren und strukturieren sie.
- Wir wandeln Stakeholder-Wünsche in testbare, umsetzbare, verknüpfte Backlog Items um.
- Wir sichern Rückverfolgbarkeit, Konsistenz und Planung.
Und wir tun das auf mehreren Ebenen:
🔹 Feature-Ebene (High Level)
🔹 Release-Train-Ebene (Mid Level)
🔹 Team-Ebene (Low Level)
Nur wenn wir auf allen Ebenen konsequent und miteinander arbeiten, entsteht echte Verbindung. Nur dann können PI Plannings sinnvoll vorbereitet – und Ergebnisse wirklich erzielt werden.
Kooperation statt Silos: Wer gehört dazu?
Für gutes Backlog Refinement reicht es nicht, wenn sich ein PO mit ein paar Entwicklern zusammensetzt. Es braucht ein vernetztes, rollenübergreifendes Zusammenspiel:
- Chief Product Owner
- Architekten
- Designer
- Tester
- Product Owner der Entwicklungsteams
Sie alle sind – das ist meine Überzeugung – Developer. Nicht, weil sie Code schreiben, sondern weil sie Entwicklung mitgestalten. Inhaltlich. Strukturell. Verantwortungsvoll.
Refinement als Lernprozess – nicht als Task-Verwaltung
Was oft vergessen wird: Backlog Refinement ist Lernen.
Wir verstehen ein System, indem wir es aufschlüsseln.
Wir erkennen Risiken, indem wir Szenarien entwickeln.
Wir fördern Zusammenarbeit, indem wir Abhängigkeiten sichtbar machen.
Und vor allem: Wir schaffen Klarheit. Für den nächsten Schritt. Für den Scope. Für das „Was“ und das „Warum“.
Die Praxis: Granularität, Traceability & Feature Slicing
Eine der zentralen Aufgaben im Refinement ist die angemessene Granularität – je nach Ebene.
Ein Feature auf hoher Ebene wird zerlegt in Capabilities, Stories, Tasks.
Dabei helfen uns Methoden wie:
- Requirements Breakdown
- Feature Slicing
- Akzeptanzkriterien entwickeln
- Aufwandsschätzung und Risikoanalyse
- Traceability zwischen Anforderungen und Arbeitspaketen
Am Ende steht nicht nur ein befülltes Board. Sondern ein gemeinsames Bild. Und ein Plan, der auf Klarheit beruht.
Und ja – es ist harte Arbeit
Backlog Refinement ist kein Zusatz. Kein „Nice to have“. Es ist Entwicklung.
Und es ist anspruchsvoll. Denn wir müssen lernen, zuhören, abstrahieren, formulieren, validieren und entscheiden. Jede Rolle. Jede Ebene.
Deshalb mein Plädoyer:
👉 Nehmt Backlog Refinement ernst.
👉 Seht es als strategischen Hebel – nicht als lästige Pflicht.
👉 Und behandelt es wie das, was es ist: Das Rückgrat eurer Entwicklung.