Ich erinnere mich noch gut an mein erstes agiles Projekt, bei dem der Kunde eines wissen wollte:
„Wie viele Story Points bekomme ich für mein Geld?“
Zunächst war ich sprachlos. Ich hätte antworten können: „So funktioniert das nicht.“ Oder: „Das ist doch keine echte Maßeinheit.“ Aber innerlich wusste ich – die Frage ist berechtigt. Nur nicht im klassischen Sinn.
Und so begann meine Reise: Vom klassischen Angebotswesen mit Festpreislogik, Aufwandsschätzung und Lastenheft – hin zu einem ganz neuen Verständnis von Wert, Vertrauen und Zusammenarbeit.
Was sind Story Points wirklich?
Viele denken bei Story Points an Aufwand – vergleichbar mit Tagen oder Stunden.
Doch das ist zu kurz gedacht. Story Points messen etwas anderes:
➡️ Komplexität
➡️ Unsicherheit
➡️ Verstehensaufwand
Sie sind eine Referenzeinheit, die ein Team selbst bestimmt – durch Beobachtung, Erfahrung und regelmäßige Kalibrierung. Kein Vergleichswert zwischen Teams. Kein universelles Maß. Sondern: Ein Ausdruck kollektiven Verständnisses.
Ich erkannte: Wer Story Points in Angebote einbaut, muss zuerst die gemeinsame Referenzbasis schaffen. Und das bedeutet: Zusammenarbeit mit dem Kunden – von Anfang an.
Komplexität verlangt andere Verträge
Die Welt, in der wir Embedded Software entwickeln, ist selten „einfach“. Anforderungen ändern sich, Technik entwickelt sich, Risiken tauchen auf. In solchen Kontexten ist der klassische Festpreis-Vertrag ein gefährliches Konstrukt.
Ich arbeite daher mit dynamischen Vertragsmodellen, die Agilität ermöglichen und trotzdem Sicherheit bieten:
🔹 Klassischer Festpreis
➡️ Kaum Spielraum, hoher Vorabaufwand, starre Erwartungen.
🔹 T&M (Time & Material)
➡️ Flexibel für den Anbieter, riskant für den Kunden.
🔹 Agile Verträge mit Referenzrahmen (z. B. HL Fixed Price)
➡️ Gemeinsamer Referenzwert (z. B. Story Points),
➡️ Leistungsversprechen in Paketen,
➡️ Austausch von Anforderungen möglich, ohne Vertragsänderung,
➡️ Hohe Transparenz & Vertrauen.
Dieses Modell erlaubt kleine Batches mit klaren Werten, innerhalb eines stabilen, längerfristigen Rahmens – genau das, was unsere Kunden wollen.
Das Geheimnis liegt im Referenzsystem
Ob Meter, Zoll, Kilogramm oder Liter – jede Maßeinheit braucht einen definierten Referenzwert.
In der Softwareentwicklung sind das:
✅ Story Points
✅ Komplexitätsklassen (T-Shirt-Größen)
✅ Einordnung durch Vergleich mit bekannten Elementen
Wenn wir gemeinsam mit dem Kunden ein solches Referenzsystem aufbauen, können wir sagen:
„Für 500 Story Points erhalten Sie genau die Komplexität, die wir gemeinsam verstanden haben.“
Es ist ein Deal auf Augenhöhe. Keine Tricks, kein Bauchgefühl.
Schätzung ist kein Ratespiel – sie ist gemeinsames Lernen
Ich habe viele Schätzmethoden ausprobiert – von Planning Poker bis Magic Estimation. Entscheidend ist nicht die Methode, sondern der Zweck:
➡️ Ein gemeinsames Verständnis schaffen.
➡️ Relativität nutzen, um präziser und schneller zu sein.
Besonders hilfreich finde ich die relative Schätzung mit Referenzobjekten – sie spart Zeit, reduziert Diskussionen und erhöht die Präzision.
Vor allem im Angebotsprozess, wenn Zeit knapp ist und Klarheit über den Wert zählt.
Wer schreibt das Angebot? Nicht Sales, sondern das Team.
Ein echtes agiles Angebot ist der erste Schritt der Zusammenarbeit.
Nicht ein Dokument – ein Dialog.
Deshalb sollten nicht Vertriebsmitarbeiter oder Einzelpersonen Angebote schreiben, sondern:
➡️ Ein Team of Teams
➡️ Mit PO, Architekt:in, Tester:in, Designer:in
➡️ Als gemeinsame Aufgabe – analog zum Backlog Refinement
Denn: Ein Angebot ist bereits Entwicklung. Es geht um Verstehen, Strukturieren, Priorisieren – exakt das, was auch in einem Sprint geschieht.
Meine Haltung zum agilen Angebot:
✅ Der Preis basiert auf Referenzwerten, nicht auf Aufwand
✅ Die Story Points definieren den Wert – gemeinsam
✅ Schätzung dient dem Dialog, nicht der Kontrolle
✅ Verträge ermöglichen Lernen, keine Absicherung gegen Wandel
✅ Angebote entstehen im Team – nicht im stillen Kämmerlein
Mein Fazit
Heute weiß ich: Agile Angebote sind kein Kompromiss – sie sind ein Ausdruck moderner Zusammenarbeit.
Sie beruhen auf Vertrauen, geteiltem Verständnis und einem klaren Referenzrahmen.
Und sie helfen beiden Seiten, fokussiert und ehrlich zu planen – ohne sich in Spekulation oder Micromanagement zu verlieren.
Diese Erfahrung teile ich, weil ich überzeugt bin: Die Zukunft gehört jenen, die mutig sind, Wert neu zu denken.