Eine persönliche Reise vom Chaos zum Fluss
Es war kein lauter Knall. Kein bahnbrechendes Aha-Erlebnis. Vielmehr war es ein schleichendes Gefühl.
Ein Gefühl, das mich begleitete, wenn ich morgens den Rechner einschaltete und versuchte, mir einen Überblick über meine Aufgaben zu verschaffen.
Ein Gefühl von Überforderung, von Verzettelung, von ständigem Reagieren statt bewusstem Agieren.
Ich sah Aufgaben.
Ich sah Tools.
Aber ich sah keinen Zusammenhang.
Keinen Fluss.
Und genau das war der Anfang. Der Anfang meiner Reise mit Kanban.
Der Anfang: Wenn Arbeit nicht sichtbar ist, wird sie zum Problem
In meiner Rolle – eingebettet in ein agiles Umfeld, in dem wir Software für sicherheitskritische Automotive-Anwendungen entwickeln – war ich es gewohnt, mit hoher Komplexität umzugehen. Doch trotz agiler Methoden wie Scrum, Jira-Boards und regelmäßigen Meetings wurde die Arbeit zunehmend unübersichtlich.
Ich stellte fest: In der Welt der Wissensarbeit ist das größte Problem oft Unsichtbarkeit.
Anders als in der Produktion sieht man bei uns nicht, wenn etwas blockiert ist. Man sieht keine vollen Lager oder defekte Maschinen. Unsere Engpässe sind versteckt – in Kalendern, E-Mail-Postfächern und Gedanken.
Ich begann mich zu fragen:
Wie schaffen wir es, diese Unsichtbarkeit zu durchbrechen? Wie machen wir Arbeit so sichtbar, dass wir sie gemeinsam managen können?
So kam ich zu Kanban.
Der Ursprung: Von Toyota zur Wissensarbeit
Kanban ist kein neues Konzept. Die Ursprünge liegen in der japanischen Automobilindustrie der 1940er Jahre. Toyota nutzte das System, um Engpässe zu erkennen, Überproduktion zu vermeiden und Fluss herzustellen.
Was mich faszinierte:
Kanban ist nicht nur eine Methode zur Prozesssteuerung. Es ist ein Paradigmenwechsel.
Die Grundidee ist so einfach wie kraftvoll:
➡️ Visualisiere die Arbeit.
➡️ Begrenze die Anzahl paralleler Aufgaben.
➡️ Optimiere kontinuierlich.
Doch wie lässt sich dieses Prinzip auf unsere Realität als Embedded-Software-Entwickler übertragen?
Kanban in der Praxis: Ein System zum Sehen, Verstehen und Verbessern
Der erste Schritt war für mich der wichtigste: Arbeit sichtbar machen.
Ich begann, ein Kanban-Board zu nutzen – zunächst ganz für mich persönlich. Drei Spalten: „To Do“, „Doing“, „Done“. Schnell wurde klar: Das ist kein Tool-Spielzeug, das ist ein Erkenntnisinstrument.
Ich sah auf einen Blick:
- Wie viele Aufgaben ich gleichzeitig angegangen war.
- Welche Tasks seit Tagen stillstanden.
- Welche Schritte im Prozess am meisten blockiert wurden.
Mit dieser Sichtbarkeit kam auch eine neue Form von Verantwortung.
Ich konnte mich nicht mehr „rausreden“. Ich konnte sehen, wo ich mich selbst überlastete. Und ich begann, bewusster zu entscheiden.
Das war der Moment, in dem ich wirklich verstand:
Kanban managt nicht Menschen, sondern Arbeit.
Die Prinzipien: Haltung statt Vorschrift
Je tiefer ich einstieg, desto klarer wurde mir: Kanban ist mehr als ein Board. Es ist ein System mit klaren Prinzipien:
- Fokussiere dich auf Kundenbedürfnisse.
→ Liefere nicht einfach nur Features. Liefere das, was wirklich gebraucht wird. - Manage die Arbeit, nicht die Menschen.
→ Menschen brauchen Autonomie. Systeme brauchen Klarheit. Kanban schafft beides. - Reflektiere regelmäßig.
→ Veränderung ist kein Projekt. Es ist ein Zustand.
Diese Prinzipien haben mir geholfen, auch in Teams eine neue Denkweise zu etablieren. Eine Denkweise, die Verantwortung dort lässt, wo sie hingehört – bei denen, die die Arbeit machen.
Der Fluss: Von Push zu Pull
Der entscheidende Unterschied zwischen traditionellen Prozessen und Kanban ist das Flussprinzip.
In einem Push-System wird Arbeit „weitergereicht“ – egal, ob der Nächste Kapazität hat oder nicht.
In einem Pull-System – wie bei Kanban – holen sich Teams Arbeit dann, wenn sie bereit dafür sind.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Aber es verändert alles.
Es führt zu:
- Weniger Überlastung
- Klareren Verantwortlichkeiten
- Stabilerer Durchlaufzeit
Besonders kraftvoll ist in diesem Zusammenhang das Konzept der WIP-Limits (Work in Progress).
Indem man die Anzahl gleichzeitiger Aufgaben begrenzt, zwingt man sich – im besten Sinne – zu Fokus.
Und Fokus ist der Schlüssel zum Fluss.
Das Paradoxon: Weniger gleichzeitig = schneller insgesamt
Einer der eindrücklichsten Aha-Momente war für mich eine einfache Visualisierung:
Was passiert, wenn ich drei Aufgaben gleichzeitig beginne?
→ Ich springe hin und her, alles dauert länger, nichts wird früh fertig.
Was passiert, wenn ich eine nach der anderen mache?
→ Die erste wird früh fertig, ich kann schneller Feedback einholen, und die Gesamtdauer sinkt.
Multitasking ist eine Illusion.
Fokus ist ein Wettbewerbsvorteil.
Und genau das zeigt Kanban mit aller Deutlichkeit.
Vom Team zur Organisation: Kanban skaliert
Nachdem ich mit individuellen und Team-Kanban-Systemen gearbeitet hatte, begann ich zu sehen: Kanban lässt sich auch auf Organisationsebene denken.
In skalierten agilen Frameworks wie SAFe wird Kanban systematisch eingesetzt:
- Zur Steuerung von Features auf Programmebene
- Zur Visualisierung von Portfolio-Entscheidungen
- Zur Koordination über mehrere Teams hinweg
Es entsteht eine Sprache über alle Ebenen hinweg.
Eine Sprache, die nicht von Hierarchien oder Rollen geprägt ist, sondern von gemeinsamem Verständnis von Arbeit, Fluss und Wert.
Leadership auf Kanban-Art: Verantwortung statt Kontrolle
Was mich an Kanban besonders begeistert, ist das Menschenbild.
In klassischen Managementsystemen geht es oft um Steuerung, Kontrolle, Optimierung von Einzelpersonen.
Kanban hingegen geht davon aus, dass die Menschen selbstverantwortlich handeln können – wenn das System es ihnen erlaubt.
Das verändert auch Führung:
- Weg von Mikromanagement
- Hin zu Rahmenbedingungen schaffen
- Weg von Zielvorgaben
- Hin zu kontinuierlichem Feedback und Reflexion
Kanban schafft den Raum, in dem echte Leadership wachsen kann – unabhängig von Position oder Titel.
Fazit: Arbeit sehen heißt, Veränderung möglich machen
Wenn ich heute auf meinen Weg mit Kanban zurückblicke, sehe ich vor allem eines:
Ein Lernprozess. Ein Perspektivwechsel. Eine Einladung, anders mit Arbeit umzugehen.
Ich sehe, wie Klarheit entsteht, wenn Arbeit sichtbar wird.
Ich sehe, wie Vertrauen wächst, wenn Menschen sich ihre Arbeit selbst holen dürfen.
Ich sehe, wie Teams leistungsfähiger werden, wenn sie Fluss statt Kontrolle erleben.
Und ich sehe, wie sich Organisationen verändern – nicht durch große Reorganisationen, sondern durch kleine, kontinuierliche Verbesserungen im Alltag.
Kanban ist für mich heute kein Tool, kein Board, kein Framework.
Kanban ist ein anderes Denken.
Arbeit sichtbar machen.
Systeme verstehen.
Verantwortung ermöglichen.
Fluss gestalten.
Das ist meine Einladung.
An dich.
An Teams.
An Organisationen.
Lass uns Arbeit neu sehen – mit Kanban.